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Gesundes Wasser – eine vertrackte Sache! (2)

Abstimmung vom 13. Juni 2021

Gesundheit wünscht sich jeder Mensch. Wesentliche Voraussetzungen dafür sind gesundes Essen, gesunde Luft, eine gesunde Lebensweise, unser gesunder Umgang mit der Umwelt – und gesundes Trinkwasser. Ob Pestizide, Nährstoffe, Gifte, Luftschadstoffe – fast alles landet am Schluss in unserem Trinkwasser. In einer Mini-Serie wird versucht, die Landwirtschafinitiativen, die gesetzlichen Regelungen zum Schutz des Trinkwassers und die möglichen Folgen der Initiativen zu beleuchten – möglichst aus der Sicht von Gretzenbach.

Im 1. Teil sind die gesetzlichen Regelungen rund um den Schutz des Trinkwasser das Thema gewesen. In diesem Teil geht es darum, dass wir in einer sehr chemischen Welt leben, die auf unser Waser einen grossen Einfluss hat.

Teil 2: Fakten zum Trinkwasser

A) Die Zusammensetzung des Wassers

Wasser ist unsere Lebensgrundlage. Betrachtet man es genauer, findet man einen riesigen Mix aus verschiedensten Stoffen vor. Einerseits finden sich darin aus dem Gestein gelöste Mineralien, andererseits vom Menschen eingetragene Stoffe. Man unterscheidet dabei zwischen organischen und anorganischen Stoffen.
Anorganische Stoffe haben meist keine Kohlenstoffverbindungen, organische Stoffe bestehen vorwiegend aus Kohlenstoff, Wasserstoff u.a. und entstehen aus natürlichen Stoffwechselprozessen; sie können aber auch industriell hergestellt werden.

So gelangen die Stoffe ins Wasser:
– Mineralien aus dem Gestein (Magnesium, Natrium, Calcium …)
– Metalle aus Leitungen (Blei, Kupfer …)
– Abwässer aus Industrie und Haushalten
– Nährstoffüberschüsse aus der Landwirtschaft, Grünanlagen und Gärten
– Mikroplastik aus Littering, Waschmitteln, Kleidern, Kosmetika …
– Ausgewaschene Schadstoffe aus der Luft (Stickoxide aus Verkehr, Heizungen ….)
– Schädlingsbekämpfungsmittel aus der Landwirtschaft, Gärten und öffentlichen Anlgen
– …..

B) Die Welt der Chemikalien

1930 betrug die weltweite Chemikalienproduktion etwa 1 Mio. t/a, im Jahre 2005 waren es über 300 Mio. t/a; inzwischen werden es noch mehr sein. Im Durchschnitt ergibt das rund 50 kg Chemikalien auf jeden Menschen.
In Europa sind rund 50’000 verschiedene Chemikalien registriert, die in unserem Alltag Verwendung finden – und sehr oft ins Wasser gelangen.
2019 wurden in der Schweiz für rund 6,14 Milliarden Schweizer Franken Pharmaprodukte verkauft, das waren rund 187,1 Millionen Medikamentenpackungen.

So werden die Chemikalien eingesetzt:
– Pestizide und Dünger in der Landwirtschaft, in Privatgärten, auf Sportanlagen …
– Behandlungsprodukte gegen Korrosion und Feuer (Brandschutzmittel)
– Holzschutzmittel gegen Insekten- und Pilzbefall (Biozide)
– Haushaltschemikalien (Reinigungsmittel, Waschpulver)
– Körperpflege, Kosmetika und Cremen
– Bastelprodukte (Farben, Lösungsmittel, Klebstoffe)
– Kunststoffprodukte
– Medikamente, hormonelle Verhütungsmittel oder Drogenbestandteile
– Lebensmittelzusätze (Stabilisatoren für Haltbarkeit…), künstliche Farbstoffe
– Textilbehandlung (Färben, Imprägnieren, nicht entflammbar ….)
– Baubranche (Härter, Lacke, Montageschäume …)
– Beigaben bei industriellen Produktionsprozessen (Bleichmittel bei Papierherstellung …)
– ……..

Die vielen verschiedenen Gefahrensymbole zeigen, wie wir von Chemikalien umgeben sind.

Genaue Zahlen über die täglichen Verursacher von Trinkwasserbelastungen sind kaum zu finden. Die Rheinüberwachungsstation Weil am Rhein untersucht seit 1992 täglich das Rheinwasser. Mehr als 300 Stoffe stehen auf der Liste zur Überwachung; es sind dies: Biozide, Arzneimittel, Betäubungsmittel, Industriechemikalien, Korrosionsschutzmittel und Süssstoffe. Die Konzentration der meisten Stoffe liegt unter dem Grenzwert, sie sind also in sehr kleiner Konzentration vorhanden. Dennoch fliessen so jeden Tag rund 10 Kg reine Chemie Richtung Meer.

2019 sind knapp 2000 t Pflanzenschutzmittel zur Schädlingsbekämpfung in der Schweizer Landwirtschaft eingesetzt worden, die Tendenz ist seit rund 10 Jahren rückläufig.

C) Dünger

Jede Pflanze braucht für ihr Wachstum Nährstoffe (u.a. Stickstoff) , welche sie dem Boden entnimmt. Durch Ernten werden grosse Mengen an Nährstoffen abgeführt und stehen dem Boden vor Ort der nächsten Pflanzengeneration nicht mehr zur Verfügung. Damit der Boden nicht auslaugt, werden natürlich und synthetische Düngemittel eingesetzt. Im Boden wandeln Bakterien den Stickstoff in Nitrat um, welches von den Pflanzen aufgenommen wird. Nitrat-Überschüsse werden ausgewaschen und gelangen ins Wasser.

D) Nitrat

Stickstoff ist der häufigste Stoff der Atmosphäre (78%). Er ist für alle Lebewesen notwendig, da er Bestandteil der Aminosäuren und also lebenswichtig ist. Innerhalb des natürlichen Stickstoffkreislaufes wird daraus Nitrat gebildet. Im menschlichen Körper kann daraus Nitrit entstehen, das problematisch ist.
In der Schweiz wird pro Jahr ein Nährstoffüberschuss von mehr als 100’000 t ausgebracht, der Überschuss gelangt dann in die Gewässer.

Die Schweiz setzt für Nitrat den Grenzwert bei 25 mg Nitrat/l fest. In der EU beträgt er 50 mg/l (Ausnahme Österreich: 45 mg/l)

Die Wasserversorgung unteres Niederamt (dazugehören Schönenwerd und Gretzenbach) weisen für das Trinkwasser einen Nitratwert von 9 mg/l aus; in Niedergösgen sind es 17 mg/l (Durchschnittswert). Zudem liegt ein einziger aller gemäss Art. 275a Lebensmittelverordnung gemessener Stoffe knapp über dem Grenzwert (Metabolit R471811 MS/MS 0.15 μg/l), alle andern sind darunter.

Die beiden Grafiken oben zeigen, wo sich das Nitratproblem zeigt: In den Tälern des Rhein, der Rhone, des Ticino und im Mittelland. Diese Gebiete werden intensiv für den Ackerbau (Gemüse-, Kartoffel-, Maisanbau) und Rebbau genutzt – da befinden sich aber auch die grössten Siedlungsflächen.

Nitrat gelangt aus der Landwirtschaft, aus Verfrachtungen (z.B. Luft) und menschlichen Aktivitäten (Haushalt, Gewerbe und Industrie) ins Wasser, dies zeigt die nachfolgende Grafik.

E) Unterschied Tier- Pflanzenproduktion (Nitrat)

Die Nährstoffzugaben unterscheiden sich beim Ackerbau und bei der Viehzucht, wie eine Studie von Agroscop aus dem Jahre 2015 zeigt:

Zusammengerechnet ergeben sich die folgenden Flächen:
Grasland + Alpwirtschaftliche Nutzfläche + Heimweiden = 23%.
Ackerland + Rebbau + Obstbau = 40%
Unter Ackerland sind gemäss der Studie etwa 47 kg N/ha nachgewiesen, unter Dauerwiesen etwa 12 kg N/ha und im Waldboden etwa 6 kg N/ha.

F) Nitrat im Grundwasser europäischer Länder

Die nachfolgende Grafik zeigt den Nitratgehalt im Grundwasser in Europa. Trotz älteren Datums wird ersichtlich:
– Die Wasserqualität der Schweiz zu Zeiten, als verschiedene Schutzmassnahmen noch nicht in Kraft waren (weder im In- noch im Ausland).
– Die Auswirkungen intensiver Landwirtschaftsproduktion auf die Positionen der einzelnen Länder.
Die Werte des Leitungswasser der verschiedenen Jahre können abgerufen werden.

G) Auswirkungen einer Zigarettenkippe im Wasser

Berechnungen gehen davon aus, dass weltweit 4,5 Billionen (4’500’000’000’000) Zigarettenstummel weggeworfen werden – jährlich. Eine Zigarettenkippe enthält bis zu 4000 verschiedene Chemikalien. Für die vollständige Verrottung vergehen 10 und mehr Jahre.
Ein einziger ins Wasser geworfener Stummel kann 40 bis 60l Wasser vergiften und damit das Leben von Wasserflöhen, anderen Kleinlebewesen und auch Jungfischen gefährden. Es wird auch Mikroplastik freigesetzt.
Bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts ist Nikotin als Insektizid eingesetzt worden. Wegen seiner hohen Giftigkeit ist dieser Stoff seither für diesen Einsatz verboten.

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